Katharina Tiwald Interview

Katharina Tiwald und Beatrice Simonsen im Gespräch am 30. März 2015 im Café Raimund in Wien. Das Gespräch wurde anlässlich der Recherche für die Anthologie “Grenzräume. Eine literarische Spurensuche im Burgenland” (edition lex liszt 12, 2015) geführt.

Beatrice Simonsen: 2009 hat Manuel Marold dich, Katharina, hier im Café Raimund in Wien für seine Dissertation[1] zur Literaturszene im Burgenland befragt. Das ist jetzt sechs Jahre her. Was hat sich für dich inzwischen verändert? 

Katharina Tiwald: Ich habe einen nicht-burgenländischen Verlag gefunden und den ersten Roman herausgebracht, und meine Theaterstücke werden auch in Wien aufgeführt statt „nur“ im Burgenland – was schön ist. Wobei grade jetzt im Burgenland viel passiert und ich im OHO durch eine sehr gute Schule gegangen bin. Aber im Buchbereich herrscht ein ewiger Kampf um die Wahrnehmung, und mit einem überregionalen Verlag ist es diesbezüglich einfach leichter. Was durchaus mit der Arroganz der größeren Medien zu tun hat. In einem Wiener Verlag unterzukommen ist also ein großer Sprung für mich gewesen. Außerdem habe ich inzwischen eine regelmäßige Erwerbsarbeit statt nur wie vorher eine super prekäre – von irgendetwas muss man ja auch leben.

Beatrice Simonsen: Aber du pendelst nach wie vor zwischen Wien und dem Burgenland?

Katharina Tiwald: Ja, das ist auch beziehungsbedingt. Sonst würde ich wahrscheinlich in Wien leben – obwohl ich das Burgenland wirklich liebe. Saskia Jungnikl, die Journalistin und Autorin aus Güssing, hat erst vor ein paar Tagen im Standard einen Artikel veröffentlicht darüber, dass so viele Leute aus dem Südburgenland abwandern und dass die Region ausdörrt. Es geht in dem Artikel darum, dass vor allem junge Leute dort keinerlei Chancen vorfinden und dass um die öffentliche Infrastruktur – ganz konkret ging es um die Bahnverbindungen – unter fadenscheinigen Vorwänden herumgeeiert wird. Für mich wiederum ist einer der großen Gründe, warum ich an das Burgenland geknüpft bin, das Offene Haus Oberwart. Ich halte das für einen ganz wichtigen Ort für alle, die in dieser Region Hunger nach Kunst und Auseinandersetzung, nach Diskussion haben. Das heißt: Wenn man das Burgenland lebendig halten will, muss es vor Ort Einrichtungen geben, die die Leute halten, Bedingungen, die das Leben lebbar machen.

Beatrice Simonsen: Leider komme ich selten vom Nord- ins Südburgenland, aber was ich aus der Ferne so wahrnehme, scheint das OHO der einzige Ort für Avantgarde im Burgenland zu sein.

Katharina Tiwald: Es gibt drei alternative Kulturzentren: die Cselley Mühle, die KUGA und das OHO[2]. Wobei das Offene Haus Oberwart mittlerweile auf Eigenproduktionen im Bereich Theater spezialisiert ist. Das ist wirklich einzigartig, das gibt’s anderswo so nicht.

Beatrice Simonsen: Ist das seit der Leitung von Peter Wagner so?[3] 

Katharina Tiwald: Peter war Mitbegründer des OHO und ist heute der Obmann, er hat einfach die „Theaterpranke“. Sobald sich das Jugendhaus zum Offenen Haus Oberwart gewandelt hat, war Theater ein ganz großes Thema, und das hat natürlich ganz stark mit Peter zu tun. Wir haben mittlerweile die „Theaterinitiative Burgenland“ gegründet, zusammen mit Reinhold Stumpf, der auch aus Großpetersdorf ist, so wie ich, und fürs Theater schreibt. Und da ist noch Alfred Masal, der Geschäftsführer des OHO, er ist auch ausgebildeter Licht- und Bühnenmeister. Das ist also ein Basisquartett – mit Option auf Erweiterung.

Beatrice Simonsen: Die Cselley Mühle sehe ich inzwischen aber nicht mehr so experimentell. Es gibt da ein sehr konventionelles Programm mit den üblichen Kabaretts et cetera.

Katharina Tiwald: Man macht in so einem Haus immer den Spagat zwischen der finanziellen Rentabilität und den Sehnsüchten in den künstlerischen Naturen. Robert Schneider[4] zum Beispiel ist ein fantastischer Künstler. Der Spagat zerreißt einen fast. Ich kenne das vom OHO. Dort passiert ja Kabarett auch. Immer muss man sich fragen: Wie ist der Kartenverkauf, wie läuft die Werbung, was kann man noch unternehmen, damit es besser läuft? Das ist ja alles nicht so leicht.

Beatrice Simonsen: Wie läuft das im OHO? Konnte da ein Publikum aufgebaut werden?

Katharina Tiwald: Ja, konnte es. Wie gesagt, bei manchen Veranstaltungen hat man das Gefühl, dass die Leute vor Ort darauf gewartet haben – dann ist das Haus voll. Es gibt aber auch immer wieder Überraschungen, wie zum Beispiel, dass die Schiene der Jazzkonzerte im Moment gar nicht funktioniert, das ist durchgängig beobachtbar. Andere Sachen wiederum – Theater – geht gut.

Beatrice Simonsen: Zeitgenössisches? 

Katharina Tiwald: Wir machen ausschließlich zeitgenössisches Theater.

Beatrice Simonsen: Ich war überrascht, dass das Theaterstück von Peter Wagner „Der Fluss“ im Kulturzentrum in Eisenstadt so schwach besucht war. Das ist ein poetisches, eigentlich „leichtes“ Stück. Warum kommen da nicht mehr Leute? Eisenstadt hat sich doch verändert mit den Hochschulen, die es jetzt gibt …

Katharina Tiwald: Abgesehen davon, dass auch hundert Leute im Kulturzentrum Eisenstadt nach einem kleinen Publikum aussehen, ist Eisenstadt eine Sache für sich, mit einem Publikum, das man jahrzehntelang mit eingekauften Boulevardkomödien aus Deutschland gefüttert hat. Wobei es toll wäre, wenn sich unter der neuen Leitung etwas bewegt, was ich durchaus kommen sehe. Wir sind zum Beispiel im Herbst mit der aktuellen Produktion der „Theaterinitiative Burgenland“ wieder dort zu Gast. Aber in Eisenstadt werden per se ab acht Uhr abends die Gehsteige hochgeklappt, wie man so schön sagt. Und die Anwesenheit von höheren Bildungsinstitutionen bringt nicht automatisch mehr Publikum. Wir haben in Oberschützen, sieben Kilometer von Oberwart, die Expositur der Musikuniversität Graz und ich sehe äußerst selten, dass aus diesen Kreisen jemand wegen zeitgenössischer Kammermusik zu uns ins OHO kommt. Nicht einmal bei dem Projekt zone38, als es 2008 ein Gedenkkonzert mit dem Janus Ensemble gab.

Beatrice Simonsen: Wie war das bei dir selbst? Ist das so, dass man sich sagt: Matura, und dann ab nach Wien?

Katharina Tiwald: Ich wollte überhaupt ganz weg. Ich war ein Jahr in den USA und ein Jahr in Schottland, aber in Schottland hab ich es auch nicht ausgehalten, aus mehreren Gründen, außerdem hat es dauernd geregnet (sie lacht). Und ich habe lang – bis Mitte zwanzig, als ich mit dem Studium fertig war – mit dem Burgenland sehr wenig zu tun gehabt, erst als sich diese OHO-Connection gebildet hat, ist es wirklich losgegangen mit mir und dem Burgenland – das war wesentlich.

Beatrice Simonsen: Wie war das? Da bist du einfach hingegangen? 

Katharina Tiwald: Ja, ich hab den Peter Wagner angeschrieben und das Stück, das ich damals hatte, angeboten. Wir haben uns getroffen und 2006 ist Dorf. Interrupted auf die Bühne gekommen. Das war ein Anlaufprozess von zwei Jahren, weil es eine große Produktion war. Und dann kam ein Brief vom damaligen Staatssekretär Franz Morak, in dem er schrieb, wir sollten doch bitte etwas Gediegenes machen, zum Beispiel einen Nestroy …

Beatrice Simonsen: Hattest du zu der Zeit schon etwas veröffentlicht?

Katharina Tiwald: 2003/4, als ich Peter Wagner kontaktiert habe, noch nicht. Bis dahin ist nur in Graz eine Erzählung in der Literaturzeitschrift Lichtungen erschienen und 2005 dann Schnitte – Portraits – Fremde in Oberwart bei der edition lex liszt 12, der erste Kurzgeschichtenband.

Beatrice Simonsen: Das ist auch so ein Thema, dass es im Burgenland keine Literaturzeitschriften gibt. Siehst du das als Mangel?

Katharina Tiwald: Nein. Es stellt sich die Frage: Wo ist das Publikum für eine Literaturzeitschrift im Burgenland? Literaturzeitschriften führen ja in Gesamtösterreich eher ein Schattendasein. Es kann sein, dass da und dort ein Netzwerk entsteht, wenn jemand auf einen Text reagiert, aber der Nutzen steht zum Aufwand in keinerlei Beziehung. Es müsste ja jemanden geben, der diese Zeitschrift macht, und das passiert nicht einfach so nebenbei.

Beatrice Simonsen: Zum Thema Autoren-Förderung: Wie siehst du diese im Burgenland? 

Katharina Tiwald: Es gibt jedes Jahr den Literaturpreis oder besser ein Literaturstipendium. Aber der Betrag von 2.500 Euro macht das Kraut nicht fett, vor allem kann man sich damit nicht lange genug freispielen, um zum Beispiel einen Roman zu schreiben. Kulturpreise werden alle drei Jahre in mehreren Sparten vergeben. Sicher sind die anderen Bundesländer budgetär anders aufgestellt, aber trotzdem: Niederösterreich vergibt jährlich zwei Stipendien à 1.100 Euro monatlich – das ist schon etwas anderes. Ich weiß nicht, woran das im Burgenland liegt. Ich war in der letzten Jury für den Literaturpreis und da hatten wir an die zwanzig Einreichungen, es gibt genug förderungswürdige Talente.

Was wir außerdem haben, ist eine sehr gute Kulturredaktion im ORF. Eva Hillinger[5] ist das Bindeglied zwischen ORF Burgenland und Ö1. Bis Anfang des Jahres war es so, dass es zwei Stunden Kultur im ORF Burgenland gab. Als ich angefangen habe zu publizieren, bin ich auch relativ rasch eingeladen worden, einen Textausschnitt einzulesen, das war 2004. Mittlerweile gibt es nur mehr eine Stunde Sendezeit für Kultur – einfach so, schnipp und weg. Dabei sind die Damen in der Redaktion sehr kompetent, aufgeschlossen und hilfsbereit und sicher in ihrer Funktion ein wichtiges Sprachrohr für das Burgenland, auch nach außen hin. Die Zeiten, als der ORF Burgenland noch eigene Hörspiele produziert hat – Stichwort Günter Unger –, sind lange vorbei. Das würde ich übrigens für wesentlich sinnvoller halten als eine Literaturzeitschrift. Ich fürchte … wie soll ich das sagen: Auf der einen Seite spüre ich das Entgegenkommen vom Kulturamt des Landes auf diese Theaterinitiative, aber auf der anderen Seite gibt es noch kein ausgereiftes Verständnis dafür, wie ein Schriftsteller arbeitet, wie viel Zeit er für die Arbeit braucht. Die Friederike Mayröcker hat einmal erzählt, dass ihr jemand gesagt hat: „Sie brauchen ja eh nur am Bankl mit einem Stift sitzen.“ Es hapert ein bisschen an diesem Verständnis für den Reifungsprozess eines Buches. Der Literaturpreis ist gut und wichtig, aber einen Roman schreibe ich nicht für 2.500 Euro.

Beatrice Simonsen: Wie siehst du die Entwicklung für Literatur allgemein im Burgenland?

Katharina Tiwald: Da kann ich nur ausschnittsweise berichten – wer weiß, was wo in welchen Schubladen lagert, von dem wir gar nichts wissen …

Es ist halt ein gemütliches Bundesland, die Uhren ticken ein bisschen langsamer – was ja nicht immer unangenehm ist – und der Wille zur Veränderung ist auch langsam. Aber es gibt sie! Siehe OHO, siehe edition lex liszt 12. Es kommt zum Beispiel jetzt ein Buch heraus,[6] eine Anthologie des Landesschulrats mit Texten burgenländischer Autorinnen und Autoren für Volksschulkinder. Das war eine Initiative des neuen Landesschulrats. Der P.E.N.-Club hatte diese Idee auch schon – es war eine Idee unserer Sekretärin Charlotte Toth-Kanyak – und ich habe das als Projekt bei meiner Übernahme des P.E.N.s vor zwei Jahren an die Mitglieder ausgeschrieben. Ich habe eine Rückmeldung erhalten – was vielleicht gar nicht schlecht war, denn so eine Anthologie sollte ja vereinsübergreifend sein. Charlotte hat dann vom neuen Präsidenten des Landesschulrats den Auftrag bekommen, die Anthologie zusammenzustellen. Das ist ein wichtiges Zeichen, dieses Buch: Je früher man Kinder mit guter Literatur vertraut macht, desto besser.

Unsere P.E.N.-Geschichte wiederum ist ja die, dass ich erst einmal langsam versuche, den Altersdurchschnitt der Mitglieder zu senken. Anni Pirch und Gertrud Zelger-Alten sind schon 90 plus, Klara Köttner-Benigni ist 85.[7] Neuaufnahmen waren jetzt Reinhold Stumpf und Wolfgang Millendorfer, ganz neu sind Klaus Jürgen Bauer und Sophie Reyer – ihre Großmutter ist Burgenländerin und ich gemeinde sie einfach ein. Ich konzentriere mich auf die Netzwerkarbeit. Mein langfristiges Ziel ist, die „Windener Gespräche“, die mein Vorgänger, Helmut Stefan Milletich, initiiert und oft durchgeführt hat, in einer anderen Form weiterzuführen, und zwar in Form von Foren, alle zwei bis drei Jahre, mit Kolleginnen und Kollegen der Nachbarländer und unseren Mitgliedern. Wir haben 2013 die ersten Gespräche im OHO abgehalten. Das war ein Hüftschuss, da war ich als Präsidentin ganz neu. Aber der Plan ist, alle paar Jahre durch das Land zu ziehen und den Kreis zu öffnen, Leute zu treffen. Ich habe zum Beispiel von der ersten Veranstaltung einen sehr schönen Kontakt zu einer ungarischen Autorin, Margit Halász. Ich warte schon sehnsüchtig darauf, ihre Erzählungen in deutscher Übersetzung zu lesen, die in der ungarischen Provinz angesiedelt sind, mit magischen Anklängen. Ich habe versucht, ihr mit Verlagen in Österreich zu helfen, aber das ist nicht einfach.

Wer sonst noch aktiv ist, ist das Literaturhaus Mattersburg. Da werden auch solche Aktivitäten angeboten: Lesungen an den ungarischen Unis oder zum Beispiel die wunderbare Bus-Fahrt 2009, als wir an den ungarischen Grenzübergängen herumgekrebst sind. Total schön und wichtig. Wer kennt bei uns slowakische Autoren oder ungarische außer Péter Esterházy? Wir leben in einer Kultur, wo man sich in einer Buchhandlung erst durch die Krimis durcharbeiten muss, bis man zu etwas kommt, wo niemand ermordet wird – das ist wohl weltweit so. Insgesamt muss man überhaupt sagen, dass es natürlich so etwas wie literarische „Nahversorgung“ gibt – und dass es wichtig ist, Institutionen vor Ort zu haben, die als Anlaufstellen für Autoren aus der Region fungieren können; aber auf der anderen Seite ist Literatur ein Medium, das sich von dem Verhaftetsein im Regionalen auch lösen kann und muss.

Beatrice Simonsen: Wie ist das bei dir selbst als Autorin? Woran arbeitest du gerade?

Katharina Tiwald: … an einer Neuübersetzung von Dantes Inferno. Die ist schon in der Endphase und kommt demnächst heraus. Das war eine poetische Arbeit. Theatermäßig wird das nächste – so es durchgeht – eine Inszenierung im Theater Drachengasse sein – und gleichzeitig die Mitarbeit in der „Theaterinitiative Burgenland“.

Beatrice Simonsen: Und kommt einmal ein Burgenlandroman von dir?

Katharina Tiwald: Ja, das ist das Nächste, der ist in Arbeit. Ich habe schon das Gefühl, dass das eine sehr geschichtengedrängte Gegend ist und das genieße ich. Ich weiß natürlich viel über die Gegend und bin neugierig. Ich liebe Bücher wie Die obere Wart, den Sammelband aus dem Jahr 1977, den Ladislaus Triber zusammengestellt hat. Das geht von historischen Essays über die ersten Lebenszeugnisse weiter über die Lage an der Grenze, das Vielsprachige … das ist eine Fundgrube zur Inspiration und hat mich sehr unterstützt beim Schreiben meiner Oberwarter Synfonie 2009, der Haydn-Fantasie. Das Buch hatte ich immer mit, das war das Vademecum schlechthin. So etwas mag ich sehr gern, weil die Konsistenz der Geschichten anders ist als im urbanen Milieu. Das berührt einen anders, ist irgendwie näher oder begreifbarer für solche „Landpomerantschn“ wie mich – in Wahrheit bin ich ja eine Landpomeranze. Aber in Wahrheit ist Wien auch irgendwie „am Land“.

 

[1] Manuel Marold: Deutschsprachige Gegenwartsliteratur im Burgenland. Entwicklung, Übersicht und ausgewählte Positionen: Clemens Berger, Siegmund Kleinl, Katharina Tiwald. Dissertation. Universität Wien, 2009

[2] Die Cselley Mühle gehört zur Ortschaft Oslip im Nordburgenland. Die KUGA ist in Großwarasdorf im mittleren Burgenland zuhause und das OHO, Offenes Haus Oberwart, liegt im Südburgenland.

[3] Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs war Peter Wagner Obmann des OHO. Er hat diese Funktion im Sommer 2015 zurückgelegt.

[4] Mitbegründer der Cselley Mühle

[5] Leiterin der Kulturredaktion beim ORF Burgenland

[6] „Lesen ab 6. Im Lesenetz. Ein burgenländisches Lesebuch“ erschien im Mai 2015 in der edition lex liszt 12.

[7] Klara Köttner-Benigni ist am 25. Juli 2015 in Eisenstadt verstorben.