El Awadalla Interview

El Awadalla und Beatrice Simonsen im Gespräch am 14. Jänner 2015 in der Ö.D.A., Wien. Das Gespräch wurde anlässlich der Recherche für die Anthologie „Grenzräume. Eine literarische Spurensuche im Burgenland“ (edition lex liszt 12, 2015) geführt.

(Die Autorin spricht im Dialekt, dieser wurde zum einfacheren Lesen ins Schriftdeutsche transkribiert und nur teilweise unter Anführungszeichen beibehalten)

Beatrice Simonsen: Sie sind 1956 in Nickelsdorf geboren, wie war das im Burgenland damals?

El Awadalla: Burgenland 1956: „Ka Wech, ka Stech, nur lauter Drech.“ Ja, das war so. An das 56er-Jahr kann ich mich nicht erinnern, aber ich bin im März auf die Welt gekommen und im Oktober war diese Ungarn-Geschichte und da sind sie mit mir im Wagerl zur Grenze gefahren, schauen was da passiert, das war sozusagen mein erstes politisches Erlebnis (lacht).

…prägend…

… durchaus prägend. „Diese Ungarn-Gschicht hat do im Dorf a Roin gspüt, wäu maunche fo de Leit san ja im Dorf bliebn.“ Ich kann mich erinnern, da war ich fünf Jahre alt oder so – wie ich vier war, haben wir unser erstes Auto gekriegt und das war was! das war eh nur ein Puch 500, aber mein Vater hat das einfach gebraucht – und da sind wir an der Grenze entlang gefahren und da war ein Wachturm und „da is ana obn gstandn mit da Maschinenpistoin und i hab mi so gfiacht, dass i im Puch 500 untern Sitz gräut bin und i woa mit fünf joa a net kla. Oiso des warn durchaus prägende Sachn und i hab mi dann imma wieda mit Grenzn beschäftigt, mittlerweile a mit psychische Grenzn. Mi hat die Grenz sehr geprägt. Wann da amoi a Mine in d’ Heh gangan is, hat ma im ganzn Dorf den Schwamm gsegn.“

Und war das klar, dass sie von dort nach Wien gehen wollen?

Da hat’s überhaupt keine andere Möglichkeit gegeben, das war nicht so, dass ich gesagt hätte, juhu ich geh nach Wien, es gibt drei Möglichkeiten und die schönste ist, „i geh nach Wean.“ Ich bin in die Lehre nach Wien gegangen. Ich wär ja so gescheit gewesen, dass ich Lehrerin hätte werden können oder mein Vater war ja so gescheit, dass er Lehrer hätte werden können – das war immer so der Spruch. Aber es war ja kein Geld da, wir waren ziemlich arme Leute. Ich habe vier jüngere Geschwister, die haben alle irgendwie durchgebracht werden müssen. Meine zwei jüngsten Schwestern, die haben dann ins Gymnasium gehen dürfen und eine davon hat sogar die Matura gemacht. „Mei Bua“ ist jetzt der erste Familienakademiker. Ich hab ja auch studiert, aber ich hab das daheim nicht erzählt, weil da hat es überhaupt kein Verständnis gegeben, für’s Schreiben auch nicht. „Wos schreibst’n? So a Bledsinn. Strick dein Kind liaba an Pullova oda tua staubwischn.“ Gegen alle Familienvorstellungen hab ich ganz was anderes gemacht.

Die Wahl Ihres Studiums war schon außergewöhnlich (Anm.: Afrikanistik, Arabistik, Islamistik).

Aber ich hab erst mit 28, nach der Berufsreifeprüfung, angefangen, das ist schon was anderes wie wenn man mit 18 anfängt. Ich hab ja eine kaufmännische Lehre abgeschlossen. Angefangen hab ich in der psychiatrischen Pflege am Steinhof, aber der einzige Wahnsinnige war unser Schulleiter. Den hab ich nicht ausgehalten. Es war eine im wahrsten Sinne des Worts Scheißarbeit, aber das war kein Problem. Wegen dem hab ich aufgehört und bin ins Büro zrück. Ich hab aber gedacht, das kann nicht alles sein, man muss doch was Gescheites machen im Leben und hab dann über mein Faible für das Arabische, Islamische – nicht im Sinn von Glauben sondern von Kultur – über diverse Umwege meinen ersten Mann kennengelernt, den Awadalla. Wie unser Kind da war, hab ich mit der Berufsreifeprüfung angefangen. Das hat ihm überhaupt nicht gepasst.

Und wann haben Sie zu schreiben begonnen?

„Gschriebn hab i imma.“ In der 4. Klasse Volksschule hab ich einen Gedichtband geschrieben, vielleicht gibt es ihn noch, wenn ihn nicht die Mäuse gefressen haben, und meine Freundin hat ihn illustriert. Aber ernsthaft? Es gab den Arbeitskreis schreibender Frauen, da war ich grad schwanger und bin dazu gegangen. Darüber bin ich ins WUK gekommen und war dort Kassierin. Nachdem ich gelernte Buchhalterin bin, bin ich das überall. Jetzt sag ich, alles nur bitte nicht Kassierin! Die Leute haben mir das Geld in die Hand gedrückt und haben ein irrsinniges Vertrauen gehabt. Ich hatte alle Sparbücher, die hätte ich abheben und in die Karibik fahren können, aber was tu ich dort? Ist ja fad. Ich war eh in Kuba, das hab ich erledigt.

Die ersten Geschichten sind im Arbeitskreis entstanden, 1981/2. Die Idee war, irgendwo zu lesen, zum Beispiel in der Alten Schmiede. Wir waren wollkommen unbekannt, aber haben uns gegenseitig weitergebracht… Von 1979 bis 1986 hat es uns gegeben. Es gab das WUK Projekt „Gedichte in der Kinowerbung“, da gab es unsere Gedichte ein halbes Jahr in über 20 Kinos – von Christa Nebenführ und mir -, das war Höhepunkt und Ende des Arbeitskreises.

Man kann sagen ab 1981 hab ich publiziert, 1983 den ersten Literaturpreis gekriegt, das war ein Weinlese-Text, die Katja Schmidt-Piller hat ihn im Radio Burgenland gebracht. Ich muss sagen, das Radio Burgenland, das ist letztklassig geworden, überhaupt die ganze Burgenland Kultur, über die bin ich überhaupt nur mehr „angfressn“.

Sind sie damals zwischen Wien und dem Burgenland gependelt?

Damals nicht mehr. Zuerst war ich ein Monat lang in einem Jungmädchenheim der Kolpingfamilie. Der erste Brief hat mit „Grüß Gott“ angefangen und ich hab mir gedacht „na Grüß Gott“. Von meinem ersten Lehrlingsgeld hab ich mir eine Platte von Jimi Hendrix gekauft und das ist überhaupt nicht gegangen. Da war mir dann lieber, ich fahr jeden Tag nach Hause mit dem Zug als ich steh unter der Fuchtel in diesem seltsamen Heim. Es war schlimm. Meine Eltern waren entsetzt, dass mich die „aussehaun“ und ich war so glücklich darüber. Ich steh lieber um vier auf und komm um acht heim, weil das war ICH – Freiheit! Im Heim wurde kontrolliert, dass man gleich nach der Arbeit heim kommt und wenn ich ein Stück Seife kaufen wollte, habe ich extra fragen müssen, ob ich wieder hinaus darf. Dann bin ich halt jahrelang gefahren bis ich mir mit einem Kredit eine Substandardwohnung besorgen konnte. Damals ist man noch 1 Stunde 40 gefahren, heute mit der Schnellbahn ist man unter einer Stunde in Nickelsdorf, mit viel mehr Verbindungen. Damals hat es noch hereingezogen, das waren diese Fenster, die man mit dem Ledergurt „owezaht“ hat, im Winter waren sie eingefroren.

„I bin wahnsinnig gern ham gfoan, des hot lang dauat. Jedn Freitog bin i ham gfoan und am Suntag mitn letztn Zug noch Wean, wia olle eigentli“, aber im Lauf der Zeit verlagert sich das doch. Dann hat man einen Freundeskreis und andere Interessen, aber ich sag heute noch „i foa ham“, wenn ich ins Burgenland fahre. … Ich würde gern mehr im Burgenland machen, aber es ist eine kulturelle Wüste der Sonderklasse, mit „gschissenen“ Operetten und was die sonst noch fördern. Ich war noch nie im OHO oder in der Cselley Mühle eingeladen, aber sie laden mich zum Gratislesen in ein Café in Eisenstadt ein. Im Burgenland mach ich genau nix gratis. Ihr gebt euer Geld für „so viel Schas“ aus und für Literatur habt ihr nichts übrig. Wenn ich mir die Sonntag-Kultur im Radio Burgenland anhöre, das ist der Niedergang der Sonderklasse! Da besprechen sie Romane von der Kürthy (Anm.: Ildiko von) !! Den ärgsten Kitsch! Ich war mit „der zwerg mit den silbernen rippen“, dem Dorf-Roman, zu einer Sendung eingeladen, aber da kam die Millionenshow dazwischen und dann wollten sie nur darüber reden und ich hab gesagt, nein, ich rede jetzt über mein Buch.

Wie kam es zu Ihrem Dialekt-Schreiben?

1988 ist die Ö.D.A. (Österreichische Dialekt Autorinnen und Autoren) gegründet worden und ich hatte alle Literaturzeitschriften abonniert „und da sichi den easchtn Morgenschtean (Anm.: Zeitschrift der Ö.D.A.)“, hab meine Gedichte hingeschickt und da ruft bei mir der Waldner (damals Generalsekretär der Ö.D.A.) an, er möchte das publizieren… „Aber man weiß bei dem Namen nicht, ob Sie ein Mann oder eine Frau sind.“ Ich hab gesagt: „Solange die Männer in unserer Gesellschaft privilegiert sind, werde ich gern für einen Mann gehalten.“ – da gab’s eine Schweigeminute. Und das sage ich heute noch.

Seit wann gibt es den Namen?

Geheiratet hab ich den Awadalla 1979 und El hab ich schon vorher geheißen. Ich heiße Elfriede, das ist furchtbar. Anfang der 1980er hatte ich eine Lesung, da haben gelesen: die Elfriede Jelinek, die Elfriede Czurda, die Elfriede Haslehner und die Elfriede Awadalla. Da hab ich entschieden, ab sofort heiß ich El. Obwohl es den Namen schon früher gegeben hat. Meine Freundinnen und ich haben alle unsere Namen auf die erste Silbe abgekürzt.

Ist das ein Wiener Dialekt, den Sie schreiben?

Ja. Wobei in den letzten Büchern, den U-Bahn- und den AKH-Dialogen, da schreib ich so wie die Leute reden, „da gibt’s scho burgenländisch und steirisch a und a des Kindagoatnhochdeitsch von de jungan Leit. Mei Dialekt is weanarisch, weil i bin mit 15 Joa nach Wean kemman ohne Söbstbewusstsein für mein Dialekt und de deppatn Buam ausn Gemeindebau, de was in de Kaffeeheisa umadumgangan san, die Lord und Sir haßn, de habn gfundn, dass i a deppate Burgenländerin mit an deppatn Dialekt bin.“ Mit 15 hat man nicht das Selbstbewusstsein, da hab ich umgelernt. Wenn ich Workshops für Jugendliche mache, sage ich: Sei selbstbewusst, das ist deine Kultur! Das muss man sich nicht verbiegen lassen. Ganz schlimm ist dieses Kindergartenhochdeutsch, weil die Jugendlichen können dann gar nichts mehr, Dialekt auch nicht. Die Eltern können ja kein Hochdeutsch also fällt der Wortschatz weg und alles was denen überbleibt ist nur ein Skeletterl. Die sind arm.

Das Heanzische ist demnach nicht Ihres …?

Bei dem Heanzenverein gibt es so eine Tendenz als gäbe es nur Heanzisch, es gibt aber auch andere Dialekte im Burgenland, zum Beispiel im Norden den Heidebodendialekt, das klingt wieder so nach Blut und Boden, furchtbar. Aber die einzigen, die organisiert sind, sind die Heanzen. Darum hab ich ein Problem, dass alles unter „Heanzn“ subsummiert wird. Da hat einer aus Apetlon ein Dialektwörterbuch geschrieben und es ist als „Heanzisches“ Wörterbuch erschienen – in Apetlon redet man aber nicht Heanzisch. Es müsste mehr Vereine geben, die sich damit beschäftigen.

Wir haben ein „Häusl“ in der Buckligen Welt und da möchte ich ein Dialektprojekt machen. Das wäre interessant, weil da treffen Niederösterreich, die Steiermark und das Burgenland aufeinander, hinter jedem Hügel haben die einen anderen Dialekt. Wir sind zwar Zugereiste, aber das würd ich gern machen. … Der Pröll – nicht, dass ich ihn wirklich mag – tut einfach mehr für Kultur. Ich muss leider sagen, obwohl ich kein ÖVP Fan bin, dass die ÖVP kulturaffiner ist als die SPÖ. Seit dem Kreisky oder Scholten hat die SPÖ nichts mehr mit Kultur am Hut.

Die Autorin El (Elfriede) Awadalla wurde 1956 in Nickelsdorf im Burgenland geboren und lebt in Wien. Publikationen siehe: www.awadalla.at