Rezension: „Nebeneffekte“ von Martin Kubaczek

Martin Kubaczek
Nebeneffekte
Edition Korrespondenzen
Wien 2015
ISBN 978-3-902951-10-6 

Seite sieben, erstes Gedicht, Diagnose Krebs: „Als ob ein Abbruchhammer in mein Ich-Gefüge kracht“ (17. Stock). So unvermittelt wie Martin Kubaczek mit dieser Diagnose konfrontiert wurde – ein, wie man weiß, sich insgesamt negativ auswirkender Schock – so unvermittelt ist der Einstieg in die Gedichtsammlung. Es mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, die Geschichte der Krebserkrankung des Autors in lyrische Form gegossen zu finden, und doch erweist sie sich als die passende Form. Es empfiehlt sich das chronologische Lesen, nicht das Blättern und Hineinlesen wie sonst üblich beim Lesen eines Gedichtbands. Zwar funktionieren die Gedichte im Einzelnen durchaus selbstständig, doch ergeben sie in der Reihenfolge gelesen eine Erzählung von der ersten Diagnose bis zur Entlassung zurück ins Leben. Die Wahl der rhythmischen Textgliederung erscheint notwendig, sie gibt den formalen Halt im Taumel der lebensbedrohlichen Ungewissheit. Die mit Titel versehenen in Zwei,- Drei,- Vier-, Mehrzeiler oder auch gar nicht gegliederten Texte, meist in der Kürze einer Buchseite, wiegen zu schwer, als dass sie in einen durchgehenden Prosatext zu fassen wären. Die Verszeile, die nicht von Interpunktion begrenzt wird, lässt etwas offen, lässt Raum zwischen den Zeilen. Es lässt sich nur auf diese Weise etwas zwischen den Zeilen spüren, etwas, das in anderer Form möglicherweise verschwimmen und untergehen würde. Dieses Etwas unterstützt das langsame Lesen, lässt Innehalten zwischen den Seiten und Nachdenken über das Unglaubliche und doch fast Alltägliche, das hier jemandem passiert. Diagnose Krebs. Plötzlich wird einer mit unverständlichen Worten von einem Tag auf den anderen aus dem Leben gerissen: „Eins Komma vier Eindringtiefe. Clark level vier / Jetzt nehmen wir mal den Sentinel heraus“ (17. Stock). Plötzlich wird sie konkret, die Angst vor dem Tod, die sonst sorgfältig aus unserem Leben ausgespart wird.
Der Vermerk des Verlags im Klappentext über den Autor erleichtert: „Zurzeit lebt er als Schriftsteller, Literaturvermittler und Violinist in Wien.“ Und wirklich, im zweiten Gedicht finde ich Martin Kubaczek wie er leibt und lebt, beim Paddeln (Im Gießgang) mitten im Leben – und doch nicht: „Sehe im Spiegel den schwarzen Punkt / klein unter dem Schulterblatt / weiß wie nie zuvor, den will ich weg / und zwar sofort“. Begleite ihn im Folgenden wie er zwischen dem Draußen und Drinnen pendelt, der Welt und der Krankenhauswelt. Die klinischen Eingriffe werden beobachtet, beschrieben, das Verhalten der Schwestern, Pfleger, Ärzte und Ärztinnen beobachtet, beschrieben. Alles neu hier, alles neu für den sonst so gesunden Menschen. Annehmen heißt ein Gedicht, Wie leben ein anderes. Der abgedruckte Wortlaut des operativen Eingriffs (Im Gesunden entfernt) ist in seiner Unverständlichkeit beispielgebend für alle Prozeduren, denen sich der Patient zu unterwerfen hat. Und immer wieder die Frage: Was bedeutet das alles, was geschieht mit mir? „Doktor, was / ist mit mir, was / kann man machen?“ (Tägliches Brot). Der Arzt wird zum ständigen Begleiter, mit immer neuen Gesichtern. Die Visite kommt: freundliches Lächeln, nichtssagende Worte, rätselndes Zurückbleiben. Oder anders: forsches Auftreten, hingeschleuderte Diagnosen, unverständliche Fremdworte, rätselndes Zurückbleiben. „(…) Hat man als Arzt eine Ausbildung / lernt man im Studium auch Psychologie? Hatten Sie je / eine Unterweisung, wie man ein Gespräch führt? Wie man / mit Patienten umgeht? (…)“ (Was nicht vorkommt). Der Autor als Patient ist ein Frager, ein Nörgler, ein Ablehner, einer der lästigen Art, obwohl er sich langsam bessert, sich in die pflegeleichte Anonymität zurückzieht, eigene Wege sucht. Aber wo sind die Ankerplätze in diesem System? Der Mensch kann nicht umhin, Vertrauen, Zutrauen zu suchen (Falsche Gefühle). Wo sind die Strohhalme in dieser Klinik, an die man sich klammern kann? Ist es der Arzt mit dem Rucksack oder die Psychologin mit den graublauen Augen, ist es der Diakon als Mitpatient oder der sonnengebräunte Arzt vorm Kaffeeautomaten, der sagt: „Sie schaffen das“ (Wetterbericht). Ermutigung wird gebraucht, Freunde, die einen auf eine Wiese bringen, eine Hand, die sich auf die Stirn legt, die fühlen lässt, dass man noch Mensch ist, noch unter den Menschen ist. Zwischendurch möchte man weinen mit dem Autor und seinen Mitmenschen, zwischendurch muss man lächeln über die schicksalshaften Nebensächlichkeiten, weil der Mensch selbst in der größten Bedrohung das Lachen sucht, ohne Humor nicht überleben kann (Grüne Wartezone).
Martin Kubaczek führt uns Schritt für Schritt an der Hand, sehr behutsam, sehr feinfühlig durch die Hölle. Das kann uns allen passieren, sagt er bei jedem Schritt, das kannst auch du sein, der da in der Röhre steckt, dem die Haut verbrennt, und dem das Essen unter dem grauen Plastikdeckel serviert wird, dem die Schwester sagt, er müsse eben folgen, wenn er am Wochenende nach Hause gehen wolle. Der aus dem Fernsehen sattsam bekannte Satz „Für unerwünschte Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ wird zum Hohn, stellen doch gerade die Nebenwirkungen von Medikamenten die Zäsur im Buch dar (In the race). Zwar verfehlen die Medikamente ihre Wirkung, aber die Krankheit verfehlt nicht ihren Effekt auf das Leben des Betroffenen (Lösungen) und höchst fragwürdig wird die kleine aber tief treffende Bemerkung der Krankenschwester: „und sagt: Nützen Sie noch die Zeit / Machen Sie sich ein schönes Leben“ (Die Decke). Denn was ist überhaupt „der Nutzen“ unserer Lebenszeit? Ratschläge von Freunden prasseln auf ihn nieder, wie umgehen auch damit? Wie umgehen mit den Begegnungen, mit dem Unverständnis, mit dem Mitgefühl, mit den Mitpatienten, mit dem Leid der anderen und der eigenen Furcht? „Du musst / den unirritierbaren Kern / suchen und finden in dir“, sagt einer (Für den schlechten Verlauf) und es erscheint als ein plausibler Ratschlag, an den man sich halten könnte für jeden Verlauf. Mit dieser Kraft lässt es sich weiter leben in der Unsicherheit, in die der Patient entlassen wird: „Stelle mir die Frage vehement: Wo will ich hin, wo / bin ich jetzt! (…) / hole mich zurück, entschieden, schreibe mich ins Leben ein“ (Fifty-Fifty). Das ist der ausschlaggebende „Nebeneffekt“.
Wie sich Martin Kubaczek ganz langsam und zögernd und schließlich „vehement“ an die verlorene Lebensfreude herantastet, den Lebensmut wiedergewinnt, das macht dieses kleine Buch zu einem großen. Es wird zum Hoffnungsträger, weil es sehr genau alle Facetten des Ab- und des Aufstiegs, das flattrige Halten der Spur zeigt, sehr fein die Wut und die Angst zeichnet, kein Ratgeber ist, nur ermutigt, einen Weg aus der vermeintlichen Aussichtslosigkeit zu finden und Halt gibt im Wissen um die Gemeinschaft (Faktitiva). Dieses Buch ist für alle gut, nicht nur für Betroffene, Leidtragende. Es ist auch gut für jene, die sich in Sicherheit wiegen, ihr Ablaufdatum genauso nicht kennen, aber mit dem Nachteil leben, nicht diesen Mut und diese Dankbarkeit zu spüren. Inhalt und Gestaltung korrespondieren in schönster Weise, ein lichter Scherenschnitt von Herbstzeitlosen (von Rosemarie Hebenstreit) umrahmt freundlich den beschwerlichen Weg: „Ich gehe zwischen den Blüten / ein feines Schimmern, zartes Leuchten / Blühen aus dunklerem Grund“ (Die Gärten), denn „es ist noch nicht soweit“ (Noch nicht).

Beatrice Simonsen