Rückschau 2013 LITERATUR RAUM im BILDHAUERHAUS

Ein Literary Crossover – die Überschneidung zweier Sprachen, mit und ohne Worte – war das Thema vom zweiten LITERATUR RAUM im BILDHAUERHAUS im August 2013.

GABRIELE PETRICEK und WOLFGANG MILLENDORFER

waren als AutorInnen geladen. Ihre literarischen Texte bildeten die Grundlage für Interventionen des International ChoreoLab Austria. Unter der künstlerischen Leitung von SEBASTIAN PRANTL reagierten ChoreographInnen und TänzerInnen aus aller Welt – Australien, Brasilien, Taiwan, USA – ohne Worte, aber mit Körpersprache, auf die ins Englische übersetzten Texte der AutorInnen. Gabriele Petriceks kunstvolle Erzählung „Das Model und sein Bildhauer“ war Anlass für ausdrucksvolle Bewegung im freien Raum vor dem Bildhauerhaus. Die „Verwirrenden Episoden“ des Burgenländers Wolfgang Millendorfer im magischen Ambiente der Skulpturen von Kengiro Azuma zauberten Heiterkeit in die Gesichter – sowohl der TänzerInnen als auch des Publikums.

Der spätsommerliche St. Margarethener Hügel mit dem Blick in die Weite gegen die Voralpen hin hat sich wieder als Kraftort für künstlerische Experimente erwiesen. War es im April – zur Eröffnung des Literatur Raums – die schneidende Kälte, die die Gäste im Haus zusammengeschart hat, so brachte diesmal der regnerische Himmel Bewegung in die Zuhörerschaft. Die dynamischen Interventionen der TänzerInnen zu luftigen Klavierklängen – gespielt von Cecilia Li – und zu den Erzählungen der AutorInnen verwirbelten starre  Erwartungshaltungen. Neugierde und Offenheit ist an diesem Ort der Kreativität, der mit dem ChoreoLab und dem Literatur Raum als Nachfolge der Bildhauersymposien wieder lebendig geworden ist, gefragt – in jedem Fall wird das Publikum mit neuen Sichtweisen belohnt.

Auszüge aus den gelesenen Texten:

Wolfgang Millendorfer aus „Verwirrende Episoden“ 

I

„Wie hast du das gemacht? Mach das noch einmal!“

Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. Ich hatte mich in den vergangenen fünf Minuten kaum bewegt, hatte nur zweimal die Seiten meines Buches umgeblättert und Zucker in meinen Kaffee getan.

„Da! Deine Stirn! Du machst es schon wieder!“

Sie klatschte vor Begeisterung in die Hände.

Sie hielt mir ihren kleinen Schminkspiegel vors Gesicht und da sah ich es auch: Irgendetwas klopfte von innen gegen meinen Kopf.

II

Sie sehen immer so aus, wie Filmstars, tragen teure Stoffmäntel und auf den Köpfen Hüte und ohne zu zögern nehmen sie auch die schmalen Gassen.

Die Gesichter auf genau die Art zerfurcht, dass es einem schwerfällt, wegzusehen, in einem fort von kleinen Rauchwolken umgeben und immer halb im Schatten, nie im Ganzen zu sehen.

Sie lachen selten und sprechen kaum und gehen um die nächste Ecke, ganz so, als hätten sie ein Ziel.

Sie haben nur einen Fehler: Sie sind in der falschen Stadt unterwegs.

(2013)

Gabriele Petricek aus „Das Model und sein Bildhauer“

Nach dem Unfall. Aufgewacht in dem Verlies, es durchspürt wie ein Hund, an einem der Fenstergitter heftig gerüttelt und es mit seinem Mauerfleisch in Händen gehabt. Nach hinten hingestürzt damit, so schwer. Hatte offenbar jemand Unbefugter, als die Halle noch in ihrer Funktion stand, sich durch die gelockerten Ziegel Kommen und Gehen und regelmäßig Kühlgut verschafft. Bis zum Morgenschlüpfen herumgestreift in den Geländen. Anfangs noch ungenau im weitläufigen Terrain, hatte unter ihrem Schritt etwas geknirscht, zertrat ihr Steinmetzschuh Verborgenes. Sah nach und sah – nicht bloß eine, vielmehr zwei Schnirkelschnecken, verbohrt im Liebesspiel. Ineinander todverschmiert. Wie unvorsichtig, Joyce.

Sie hatte ihr Nachtleben. Ahnungslos war Luxer. Er war, wenn er ins Kühlhaus kam, jedesmal gesprächig gewesen. Hatte erzählt, was er über sich wusste und einmal hatte sie diesen holprigen Redefluss nachfragend unterbrochen, nach der Narbe in seinem Gesicht, und er erzählte in die Mitternacht hinein, wieviel lieber er Künstler, also Bildhauer, denn Steinmetz wäre. Das Wetter brach zusammen. Dann regnete es nahezu ununterbrochen. Und Luxer meinte, der Regen im Juni brächte Segen, er fürchte die Hagelwetter im Juli, die verdürben den Bauern, was zur Reife steht. Als sie wieder bis zum Aufhellen durch eine Nacht gestrollt war, kam sie an das Haus des Greißlers, der eben aufsperrte. Sie überließ ihm ihre rote Perücke und er ihr hochpolierte Metallplatten, die sie in einem von ihm ausgeborgten, paar Nächte später wieder vor seinen Laden abgestellten Karren an ihren Bestimmungsort verbrachte. In den folgenden Tagesanbrüchen hörte Luxer Schüsse unten, fand aber nichts Auffälliges, als er am Kühlhaus nachsehen ging. Es war still und abgesperrt.

(Auszug aus der Novelle Gegenfarbe, enthalten in: Von den Himmeln, Triptychon / Sonderzahl Verlag, Wien, 2009)